wek
w.e. krumbein

Rerum primordia pandam

(Auf Lukrez und Goethe, der den Text "de rerum natura" des Lukrez nachdichten wollte)

 

Die Dinge der Natur sind wohlgeordnet.
Sie fügen sich ganz ungefähr zu ihrem Schein;
sind sinnvoll und vollendet und wandeln sich nach ihrem Lauf, der sich mitunter gar der Zeit entzieht.
Sie braucht den Schöpfer nicht und braucht kein Bild, das man von ihr sich schafft.
Im Gegenteil: das was sich regt, was sich nach seltsam klaren Regeln bildet und später wandelt, wo es geht, ist sinnreich, klar und unermesslich schön.
Des Menschen Sinne aber sind nun vollends ungeeignet, das alles, was geschieht und sich entfaltet in seinen eignen Zeichen darzustellen, die er so mühsam mit sich selber formt.
Die fernen Sonnen sind in Wirklichkeit nicht fern, Planetenbahnen kreuzen sich und Regeln ihrer Läufe sind so fremd, dass man sie nie errechnen kann, da doch das Leben selbst sie lenkt.
Das, was wir sehen, hören, fühlen wenn uns ein Zephyr wolkenfein erreicht, was wir in komplizierte Zahlenspiele fügen und uns in feinen Regelmustern vor die Augen rechnen,
ist nur ein winzig kleiner Teil von allem, was sich regt.
Wir müssen kleiner sein.
Denn wo die unsichtbaren kleinen Dinge ihr feines Tagwerk tun, wo sie den Fels erschaffen und ihn stetig dann zernagen;
dort wo sie Nass von Trockenheit ganz selbstverständlich scheiden;
wo Hitze sich mit Grabeskälte trifft, dahin reicht nicht des Menschen sinnlicher Gehalt.
Er muss versuchen, es zu rechnen und in Formeln auszudrücken,
was doch von sich aus wiederum so selbstverständlich ist und schön wie Gras
und dann so klar wie eines kleinen unsichtbaren Dinges Bahn,
die mit des Fixsterns Läufen ferne ist verwandt.
Wir wissen nicht, wie und warum Planeten leben und können uns ganz leise nur dem Wunder nahen.
Und wenn wir schließlich nach der Wahrheit streben, wenn wir uns selber in den Kern der kleinsten Dinge denken, dann wird ihr Wesen sich uns umso mehr entziehen.
Sie wird uns zeigen, dass wir nur ein unbedeutend kleiner Teil, dass wir begabt und doch verloren, dass unser Beitrag unbedeutend, eher winzig ist.
Ein kurzer Augenblick und dehnt sich doch zu Ewigkeiten -
Des Menschen Glück ist hier und dort.
Ein Mensch verströmt in Wundern, die ein andrer niemals sieht;
Und wieder einer hat die Kraft, die Zeit der Liebe Ewigkeit zu nennen!
Aus diesem Ganzen, das selbst in Myriaden Teilen funkelt
bricht dann an einem Tag ein kleiner, unsichtbarer Funke aus,
der doch am Ende Teil des Ganzen bleibt.
Tag ist nicht Nacht und Nacht heißt anderswo nicht Nacht
und hunderttausend kleine Wesen wissen nicht, dass auch für sie die helle Sonne lacht.
Ein Quantensprung wirft seinen Schatten weit hinaus erweckt zu Leben Moleküle und wird am Ende noch besorgen, dass sich auf seltsam und doch regelhafte Weise ein Berg den Weg ans Sonnenlicht verschafft.
So lasst uns endlich glauben, dass wir nie verstehen und dass wir weder hören, sehen, fühlen;
dass unsere Musik nicht die der Tiere und auch die Sphärenklänge mehr dem unsichtbaren Leben sind erschlossen als nur uns, die wir als Sandkorn in das Meer des Lebens sind geschlossen.
Und auch das Leben: Obwohl es ewig unverdrossen ist, ist nur ein kleines Korn mit Rang von Ewigkeit im unerschöpflich einsam steten Walten in einer jener unermesslich großen Falten, die sternenklar ihr großer blauer Mantel wirft.
In unsrem Sein wird sie gedankenvoll berechnet;
Sie die sich diesem doch in ferne Ewigkeit entzieht.
Heureka rief der alte Weise und hatte nur sich selbst berechnet, obwohl er glaubte, die Natur zu sehn.
Wir wissen nicht, wir fühlen nur mit unsrer Seele, dass hinter allem eins,
Das unerschließbar ewig unerreichbar Wahre steht;
Ein Gott ist hierfür nicht vonnöten.
Doch wenn der Gott nun Wahrheit heißt und sich den Eingang selbst verbietet;
Wenn alles, was im sternenblauen Himmel kreist, selbst ihm, dem Schöpfer, schnell verschlossen, wenn er den Zugang zu sich selbst verloren hat?
Wenn er für ewig nun in seinem eignen Werk verirrt; wie soll die Schöpfung dann ihn wieder finden?
Das Lied des Lebens ist ein Gottestraum und was nicht lebt ist Zwischenraum
Und zwischen Traum und Wahrheit webt, was wir wohl kaum mit unsren Sinnen sehen.
Doch wenn die ganze Schöpfung vor der Wahrheit steht, will sie sich wiederum entziehen dem Verstehen.
So muss es bleiben, wie es ist.
Die Welt ist hier
Will niemals wissen
Wo die Wahrheit ist.
webmaster (Design by N. Fafchamps) ©w.e.krumbein 2009, February 07