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w.e. krumbein

 Neue Ansichten der Natur (An Alexander von Humboldt)

 
Natur schafft rastlos sich und neu die Welt, durch die wir leben.
Und wir, wir sind ein unauflösbar wichtig kleiner Teil.
Das, was wir sehen, ist zu wenig noch
Um unsren Platz dann endlich einzunehmen.
Sind wir zur Stetigkeit geboren worden oder nur,
Um auch im endlos großen Zeitenweben aufzugehen?
Das Wasser, das vom Himmel fällt
Und sich mit Gras und Erde und dem Ozean vermählt
Wird oft auf seinem Wege aufgeteilt
Und trennt sich in die flüchtigsten der Gase.
Und Licht, das diesem Rund entgegenflutet
Wird nicht allein in Wärme nur verwandelt,
Wie man es gerne wohl vermutet.
Seit ewig langen Zeiten schon wird es im Fluge eingefangen
Mit winzig kleinen wunderbar verzierten
Fallen, Filtern, Wärmefühlern.
Man muss wohl um die schlangengleich sich biegenden Korpuskeln bangen,
Wenn man den Weg in Myriaden trichtergleiche,
Gierig schleusend aufgestellte physikalisch elegante Apparate sieht,
Die alle nach dem gleichen dichten Strom des Lichts verlangen.
Ein Leviathan, Sandwurm, tonnenrund
Und oftmals auch spiralig aufgedreht
Schiebt sich durchs feuchte, salzig herbe Watt.
Ein kleines Infusorium, das doch das Licht versteht.
Und was es reitend auf den Einzelgliedern mit sich trägt
Sind jene armen aber doch unendlich wichtigen Gestalten
Die wir als Punkt und Komma oder Stäbchen nur benennen,
Die dann im Weiterreichen all der Quanten walten,
Da sie das einmal chemisch festgelegte Licht
In Butterbrot und andre Formen umgestalten.
So wie der aufgeteilte Wasserstoff
Dem Erdenrund am Ende wohl entflieht
Und Sauerstoff das Feuer dann erneut und sonnengleich entfacht
Seht doch, wie sie das Licht von außen immer wieder auf sich zieht.
Und mit ihm treiben, segeln, fallen schneller dann Partikel auf das farbenfrohe Rund.
Jawohl, die Erde ist ein lachend aufgeriss'ner Kindermund.
Sie wächst, gedeiht, entwickelt sich ganz prächtig
Und sorgt dafür, dass sie nicht allzu Großes zeugt.
Sie sendet fort nach altem Brauch die Kinder, die sie sich erschafft;
Lässt los das Licht, nachdem sie es benutzt als Speicherkraft.
Die Sonnenwärme strahlt zurück ins All
Und mit ihr ziehen in das Dunkel jene Massen,
Die sie zunächst gebunden hatte in Gelassen
Der zierlich kleinen ozeanisch tiefen Pflanzenwesen
Und auch in jenen ungeheuer tiefen Gassen
Aus denen wir das Gold und Diamanten lesen.
Ob Kohle, Erdöl oder prinzlicher Karfunkelstein
Ob Knochen, Apatit und Elfenbein;
In allem lebt die helle Bernsteinwelt
Auf die äonenlang kein Lichtstrahl fällt.
So treibt dies Wesen leuchtend durch den dunklen Raum
Hat sich erworben Lebenskraft aus jenen fernen Tiefen,
Aus denen Quanten nach Verwandlung riefen.
Wie jene Stoffe sich zum Leben drängten,
Wie Leben selbst, vielleicht die allererste, allerjüngste Macht zugleich
Sich eingeschaltet in den Lauf der Kräfte
Die doch zunächst nur Sternenbahnen lenkten
Bleibt uns wohl jetzt noch unbewusst,
Obschon gerade auf dem Leben unsre Hoffnung fußt.


webmaster (Design by N. Fafchamps) ©w.e.krumbein 2009, February 07