wek
w.e. krumbein

Die blaue Blume

Ein Zyklus romantischer Gedichte
von Wolfgang Elisabeth Krumbein

MOTTO

Kein Zeichen setze, Tag
Sei andren gleich -
Es komme
Wie es kommen mag
Das BIOID ist reich*

*Wenn wir nur wüssten, ob nicht nur das physikalische, sondern auch das biologische Raum-Zeit-Kontinuum reversibel sei-?
Wenn aber die Erde ein lebendes Bioid (oder ein Bioplanet im Sinne Ulrich Kattmanns) und nicht ein totes, zufällig Leben tragendes Geoid wäre, dann würde die Frage der Umkehr vielleicht gänzlich anders zu stellen sein. Ist der Bioplanet ein Individuum, muss er vielleicht nach einem Freund, einer verwandten Seele suchen?

  1.  

    NEBENWELTEN

    Es kommt aus sich heraus
    Und faltet sich zurück nach innen
    -Aus Chaos Ordnung-
    In kleinen wohl gesetzten Wirbeln.-
    So schaue doch der Dinge ew'gen Lauf
    In aller Einheit mit sich selbst
    Doch vielen zauberhaften Hebeln.-
    Sind es denn Fadenpuppen nun?
    Spür'n wir der Gottheit fernes Tun?
    Wer sagt uns denn, wie sich die Kreise regeln.
    Wo sind die Kräfte, die dem Mensch gegeben?
    Hat er das absolute Recht zur Schuld?
    Doch auch Gespenster seh' ich ferne gehen
    Sie mischen sich mit anderem
    Mit einem fernen, fremden Geist
    Sie wollen selber schöpfen, wollen eignes Leben!
    Nur - darf ein fernes, graues Wirbelstreben
    Aus Wolkendampf und Himmelsblau
    Sich auf des grünen Rundes Plan begeben?
    Wer sagt uns ja, oh holde Frau.
    Wo ist der Plan, der sich in uns erfüllt
    Und zwischen Symmetrie und Zufall gilt!
    Oh ferne tief und blaue Blume
    Erwache doch in uns zu neuem Bild!

  2.  

    UNSERE LIEBE FRAU

    Ein heimliches Sehnen
    Ein Ziehen erfüllt mich mit Schmerz
    Wie gern würd' ich lehnen
    mich auf ein fühlendes Herz!
    Doch treibt es mich weiter
    Und weiter hinab
    In das Tal
    Wo Nebel nun wallen
    Und gnädig umhüllen
    Die innerste Qual.
    So tast ich im Dunkel
    Im wattigen Grau
    Und suche
    Und singe,
    Erwarte die Heilige Frau.
    Tief unten
    Im Dunkel
    Im heimlichen Grund
    Da funkelt
    Und zittert
    Ein kleiner Korund!
    Nicht blau
    Und nicht grau
    Nein - farblos und blass.
    Von keinem gesehen
    Für niemand zum Fraß
    So liegt dort am Boden
    Der Kern allen Seins
    Erwartet den Odem
    Das Echo des Scheins!
    Und still wie die Ringe
    Von Wasser
    Auf spiegelndem See
    Die sanft und vergänglich
    Berührte die Fee
    Mit hauchzarten Tropfen
    Aus blassblauem Tau -
    So leise, empfindsam,
    Im nachtdunklem Blau
    Entfaltet sich dann
    Das Wunder der Blume -
    Ein Echo des Himmels
    Und Abbild der Schmerzen
    Im innersten Herzen
    Des irdischen Glücks.
    Ach neige, Du reine
    Du Blaue uns zu
    Dein Schimmern und Glühen
    Dass uns umhülle die heilige Ruh.

  3.  

    Auf Heinrich von Ofterdingen

    Ihr habt in mir den Wunsch erregt
    Ganz tief ins Endliche hinabzuschauen
    Ob nicht der Schleier endlich sich bewegt
    Vor der Unendlichkeit und ihrem Morgengrauen?


    Im Rückblick auf die neue Zeit
    Die ihr durch manche edle Tat
    Für uns und andere erschlossen habt
    Hab' ich mich ganz der Poesie geweiht!


    Da mich von Euch ein Traum nur grüßt
    Von dem mich endlos lange Jahre schieden
    in denen Menschen meist den Frieden mieden
    Hab' ich wohl mein Vertrauen eingebüßt;


    Doch Eure ewig neue blaue Blume gießt
    In meinen Geist, was bisher fehlt hienieden:
    Natur gewollten, zwangsfrei reinen Frieden
    Den man in trunkner Andacht still genießt.

  4.  

    ZUM STERBEN SCHÖN
    (An Novalis u. Eichendorf)

    Heut legte sanfter weicher Schnee
    Sich nieder auf der Erde schlimme Spuren
    Auf das nicht länger Zahlen noch Figuren
    Regieren über aller Kreaturen stilles Weh.


    Heut' trieben Flocken in des Weihers klares Nass
    Und flächenweiß lädt Eis zu feinen Spuren
    Ein einz'ger Ton erfüllte nur die weiten Fluren
    Die Welt ist wie ein endlos tiefes, stilles Fass.


    Und meine eignen winterklaren Blicke schweifen
    Weithin wohl über dunklen Wald und helles Tal
    Sie glänzen klar, wie Birkenzweige, die sich reifen,


    Und künden jedem, dass der Winter keine Qual
    Nein, herrlich doch, wenn Sonnenblitze über Firne streifen
    Ich glaub' ich stürbe gern im Winter, bliebe mir die Wahl.

  5.  

    MURMELN

    Oh kleines Murmelspiel mit Steinen und mit Grün
    Planetenwurf, Musik, Gesang der Sphären -
    Ich sitz dazwischen wie ein kleines Kind
    Und seh die Geister rechnen mit den Formeln kühn.


    Der Hintergrund und seine Zeit soll'n mir gewähren
    Was ich im Himmel und auf Erden nimmer find.
    Ich glaube nicht, was sie mir künden
    Die großen Rechner und Propheten
    Glaub' nicht, dass Chaos jemals aus sich selbst gebiert.


    Die Welt, was ist, folgt jenen sanften Gründen:
    Ein Leben geht und neues muss sich selbst erbeten
    Und niemand als das Leben selbst hat sich herbeigeführt.

  6.  

    SPÄTWINTER I (6.50)

    Ein weiches Silberweiß verhüllt den Himmel
    Und neuer Flocken Fall deckt Erdengrund
    Versteckt und weichgepuffert Weltgewimmel
    Die milde Feuchte macht den Wald gesund.
    Ich lausche in verhangnes Nebeltal
    Und hör in meinen Ohren singen
    Der Heizungsrohre Widerhall
    Mir möcht das Herz vor später Winterfreude springen.

    SPäTWINTER II (9.50)

    Der Tag wird heller, kühler auch
    Nicht deckt der Nebel mehr den dunklen Tann'.
    Durchs feine Summen in des Hauses Bauch
    Dringt kecker Meisenruf vom Wald heran.


    Ich spür am Knie der Heizung Wärme
    Und durch das offne Fenster kalte Winterluft
    Die frische Nässe glättet Flockenschwärme
    Der Morgen schlüpft in seine Tageskluft.

    SPÄTWINTER III (12.50)

    Die Fischerkugel bei der Gartenbank
    Sonst glasig klar und diaphan
    Sie schimmert rund und glitzerblank
    Und zog ein Kleid aus Nebelrauhreif an.


    Der Rasen, eigentlich schon gelb und grün
    Hat sich erneut in Schnee und Eis gehüllt
    Noch seh' ich keinen Krokus in der Wiese blühn
    Der Märzennebel ist mit Eis gefüllt.


  7.  

    UNBEWUSST

    Ein starker Wind weht kühle Sonnenfetzen
    So schattenschnell fernüber durch das Land;
    Ich seh' die Wolken ihre Farben setzen
    Die Wiese ist der Lichterbrandung Strand.


    Narzissen und das Wiesenschaumkraut setzen helle Sterne
    Es leuchtet, glänzt und wandert in der Ferne
    Das weiß und dunkle Hinterteil von Nachbars Kuh
    selbst diesem lässt die Sonne keine Ruh.


    Und drüber dieser blau und weiße Teppich
    Aus Licht und Farbe -eine ferne Welt
    Es dreht das Bioid sich unter seinem Licht
    Das wechselnd stark auf meine Wiese fällt.

  8.  

    Ich sehe Fetzen in der Luft
    Sie springen, treiben, keuchen
    Die Farbe Elfenbein, ganz wie von Seuchen
    Ist es ein Tod, der jetzt uns ruft?


    Dazwischen doch, ein heißer Duft
    Und Wolken schwer mit dicken Bäuchen
    Der Himmel spaltet sich in tiefer Kluft
    Und wimmelt nun von lange nicht geseh'nen Bräuchen.


    Und dann - ein Streifen Morgenrot
    Mit mählich erst vertieftem Blau
    Trotz wilder Nacht sind wir nicht tot -


    Und an den Händen halt' ich eine zarte schöne Frau.
    Ich weiß nicht mehr, was mir die Sturmnacht bot
    Doch waltet noch Natur, auf die ich immer bau.


    (Das Walten der drei verschiednen Vorsehungen bei Kant führte dazu, dies Gedicht in den Zyklus aufzunehmen.)

  9.  

    LIEBE FRAU

    Im hohen Gras auf langem Stiel
    Wiegt sich noch immer Wiesenschaumkraut
    Obschon der weiße Rhododendron längst verblüht.


    Die morgendlichen Regenwolken
    Vertrieben nun die Kirschenblüte
    Die beiden Amseln schütteln sich
    Und Tropfen fliegen durch das grüne Gras.


    Die Erde atmet kurz und leicht
    Bevor sie sendet blaue Blumen
    Wie Männertreu und Ehrenreich
    Und stille Glockenblume in den Wiesenraum.


    Abglanz des Himmels, reines Blau
    Sie malten Dich so oft zu Füßen
    Von unsrer lieben Frau.

  10.  

    NEBELWELT

    Heut war der Morgen unaussprechlich schön
    Ein Glück der Seele, diese Nebeloper nur zu sehn
    Und dann der Auftritt jener ersten schwarzen Kuh
    Es war als säh' man unsrem eignen Schöpfer zu.


    Was brauch ich ferne Himmel denn und steile Berge
    Was muss man tummeln sich auf dieser weiten Erde
    Wenn alles Augenglück, das uns das Sehen gibt
    Schon hier in einer Stunde nur auf meiner Wiese liegt.


    Ein Tag, wie jeder andre nur und doch gab er so viel
    Als sei in kurzen Augenblicken schon erreicht das Ziel
    Ich sah, wie Busch und Baum entfalten Weltensicht
    Mein Auge schwamm im Nebel zwischen Gras und Himmelslicht.

  11.  

    KAFFEE-FEE

    In einer Zeit auf einem grünen Baum
    Da war einmal ein wunderschöner Märchentraum
    Ich weiß nicht mehr, war ich allein?
    Oder vielleicht mit jener Fee zu zwein.-


    Es gab Kaffee, so wie am Kaffeebaum
    Und Dinge, die man handelt nur im Traum
    Es geht nicht wirklich um Gelingen
    Da war kein heut und morgendliches Ringen.


    Auf jener Zeit, so tief im Wunderbaum
    Da saß ich hin und lebte her im Traum
    Und all' die nie genannten Dinge
    Sie zogen um und durch mich durch wie Zauberringe.




  12.  

    ZUGEHÖRIGKEIT

    Ich sehe Wälder sterben, die der Mensch gepflanzt
    Und solche auch, die nicht von ihm
    Der Baum um den so lang der Elf getanzt
    Ist nun nicht mehr, ich seh' die flinken Zwerge fliehn.


    Es gleiten viele Schatten durch das weite Land
    Sie streben nun zu anderen unsäglich schönen Orten
    Ein großer stiller Engel nahm mich bei der Hand
    Und öffnete den neuen Farben weit die hellen Pforten.


    Wo steht geschrieben, dass der Wald die Welt
    Wo wurde denn gesungen, dass die Blätter sind alleine grün
    Muss denn der Mensch sich ernten durch das Feld
    Verlangt das Leben, dass im stillen Tal die Anemonen blühn?


    Nein! Andrenorts sind graue Ratten wunderschön
    Blauschwarz und violett ist die Fabrik
    Mikrobenmatten brodeln Gas und fetten schwarzen Schlick
    Durch den die Larven kriechen, eh' sie schwingen sich in
    goldne Höhn.


    Natur als solche war noch niemals so und so
    Es fügt sich immer eins zum anderen
    Bewusst sein ist ein großer Fehler schon
    Und auch der Mensch muss unbewusst wohl wandern.




  13.  

    GEBET I

    Oh großer Gott, wie hast Du Deine Welt
    Mit Menschen und mit Dingen vollgestellt.
    Man tritt auf Brüder, Schwestern, Sachen
    Und lässt unendlich vieles mit sich machen.


    Wie willst Du dies jemals in Ordnung bringen?
    Wir wollen wieder fröhlich zu Dir singen
    Woll'n beten, segnen, Welt umfangen
    In freier Luft zu atmen wir verlangen.


    Oh großer Schöpfer, hilf uns doch
    Gib uns den einen neuen Anlauf noch
    Nimm Zahl hinweg vom bösen Spiel
    Und zeig'den Weg uns in ein neues Ziel.

  14.  

    FERNSICHT

    Mein Herzblut setz ich gerne ein
    So ich die Blume kann gewinnen;
    In vitro und in vivo seh ich hellen Schein
    Auch wenn das Blau will oft zerrinnen.


    Es funkeln uns des Lebens Sterne
    In jeder kleinsten Fluoreszenz
    Es lebt das Weltall in der Ferne
    Und ist auch uns die einzige Essenz.


    Das Bild der Welt, das sich uns bietet
    Im Blau und Grün von unsrem Stern
    Beweist das heilige Natur gebietet
    In, um uns und in violetter Fern.




  15.  

    AMMERLAND

    Die Heckenrose dort am Wall
    Sie blüht so rein und leuchet still;
    Für mich umfasset sie das ganze All
    Das ich wohl anders auch nicht fassen will.


    Auf ihren Blättern ruht ein süßer Hauch
    In dem das Gold der Pollen widerscheint.
    Tief unten seh' ich schattenblaue Kelche auch
    Und Ursprung, der dies alles einst geeint.


    Wallhecken hier in unsrem Ammerland
    Sie einen Grün mit stärker grüner Hand
    Und sind doch offen hier und dort dem Blick,
    Dass er an Weite, Feld und einer Blüte sich entzück'.


  16.  

    TRAUM

    Ein Geist geht um, nicht nur in unsrem Land
    Er rührt sich hier und regt die Lippen dort
    Bewegt sich still und schnell von Hand zu Hand
    Kein Bürgermeister oder Kanzler treibt ihn fort.


    Es ist ein Traum und kein Gespenst
    Der sich durch Zeiten in die neue Zeit geträumt
    Er wird Dich treffen, wo Du stehst und rennst
    Und dieser Traum hat Deine Seele aufgeräumt.


    Wir träumen von der Blume wunderalt
    Von Rosen, Himmelsblau und Wolkenwind
    Und bald nimmt die Idee Gestalt
    Dass auch noch heute der Romantik Kinder sind.




  17.  

    DER RABE UND DER KÄFER

    Ein Rabe liegt auf seinem Rücken
    Ein Käfer kommt im schnellen Lauf
    Ob wohl der stumme Vogel sein Entzücken
    Oder ob jener frisst ihn schließlich auf?


    Wer mag die Zeichen deuten der Natur
    Wer will die sehr verschlungne Sprache lesen?
    Was sich ereignet dort auf ihrer Flur
    Wird es erst sein, oder ist es gewesen?


    Ich kenn sie nicht und sag' auch nichts
    Im Falle sie mir Zeichen gäbe
    Auch seh ich nichts im Angesicht des Lichts
    Und sonst kein Anschein, dass ich lebe.

  18.  

    DER RABE UND DIE BLUME

    Ein Rabe hält in seinen Fingerlein
    Den nervig grauen, spitz geendeten
    Das kleine violette Blümelein
    Durch das wir immer schon den Herbst beendeten.
    Er flattert nicht mit seinen schwarzen Schwingen
    Und hält sich sonst auch fein bedeckt.
    Doch dieses Kunststück konnte nicht gelingen
    Denn Heia hat den Raben und auch mich erschreckt.

  19.  

    TAG OHNE SONNE

    Kein blauer Dunst liegt heut im Moor
    Und keine Taumelvögel singen
    Auch keine Totenstille klingt im Ohr
    Und niemand lässt in weiter Ferne Saiten klingen!


    Ein öder Wind lässt Blätter zittern
    Soweit sie noch an nassen Zweigen hängen
    Und Tropfen streifen Steine, die verwittern.
    Auf blaunassem Asphalt lausche ich den Autosängen.


    Selbst diese menschenfreundlichen Geschöpfe
    Gebärden wild und düster sich an diesem Tag; -
    Was sind wir doch für arme, nackte Tröpfe
    Und lieben die Natur grad nur für einen Sonnentag.


  20.  

    NACHT

    Sternbilder sah ich heute Nacht am Himmel
    Wie ich sie solcherart noch nie geseh'n
    Doch gleich ist stets das Sterngewimmel
    Schon immer für den Mensch die gleichen Sterne stehn.


    Selbst Sterne sehen aber anders, fremder aus
    Wenn man sie sieht aus andrem, fremden Geist
    Wenn man die Fenster nimmt aus andrem Haus
    Sich selber aus vertrauter Umwelt schmerzlich reißt.


    Oh Mensch, versuche nicht den Gott zu spielen
    Du weißt nicht, wer dir welchen Geist beschert
    Nimm hin den einen Stern von vielen
    Der jedes Jahr aufs Neue wiederkehrt!

  21.  

    VERWEIGERUNG

    Heut male ich ein Bild
    Ganz ohne jeden Schrecken
    Benutze weder Gras noch Hecken
    Und keinen Nebel mild.


    Ich halt' mich eine kleine Weile
    Mit meinen lieben Freunden auf
    Und gehe ohne jede Eile
    Hinein in der Gezeiten Lauf.


    Hier fehlt ein Buch
    Und dort ein Wort;
    Erwartet man den Fluch;
    Vor allem keinen Tort


    Und Lob und Segen -Gute Zeiten-
    Oh lieben Freunde, lasst euch leiten
    Ins allerschönste Blütenmeer
    Doch bitte, Freunde, lieber nicht von mir.


  22.  

    TAGLAUF

    Heut früh beim Laufen schoss es mir durchs Haupt
    Dass viele meiner Sorgen sind umsonst.
    Was immer ich mir hier und da geklaubt
    Es hilft mir nicht zu meines Gottes Gunst.


    Mein Leben endet hoffentlich
    An einem unerwartet schönen Tag
    Doch Gottes Welt währt ewiglich
    Ob ich sie auch nicht schauen mag.


    So muss ich denn in Ruhe ziehen
    Muss meinen kleinen Pfad beschreiten
    Die Zeit ist mir von dort geliehen
    Wer will denn mit dem ew'gen Walten streiten!


  23.  

    NACHTLAUF

    Wenn ich den Weg im Dunkeln such
    Im herbstlich kühlen Nadelwald
    Und meine Füße stoßen auf ein weiches, braunes Tuch
    So weiß ich: Nun ist auch den Lärchen kalt.


    Und meine Blicke schweifen frei nach oben
    Ins täglich neu bestirnte Firmament
    Und täglich neu will ich den Herrgott loben
    Der mir und andren solche Gnaden schenkt.


    Ein Hauch löst sich bei jedem Atemzug
    Und hellt mir auf mit Reif das Haar
    Und nun, sprech' ich bei mir, ist es genug
    Es war bei Gott ein segensreiches Jahr.


  24.  

    GEBET II (ALLERSEELEN)

    Was soll ich sagen,
    Wenn mir Worte fehlen
    Was soll ich tragen
    Zu den toten Seelen?


    Mit leeren Händen
    Geh ich durch das Land
    Und seh' mich enden
    Dort an grauer Wand.


    Am Ende aber fand ich doch
    Das kleine Blümlein blau
    Das mir gesandt vom Himmel hoch
    All unsre liebe, Hohe Frau.


  25.  

    SONETT

    Ein Filigran aus Föhrenzweigen
    Hat mir der Mond gezeichnet in den Sand;
    So reiche Du mir Deine warme Hand
    Dass wir uns vor der Schöpfung neigen!


    Natur führt uns im Jahresreigen
    Füllt jetzt mit Reif das ganze Land;
    Ein Nordlicht färbt den Himmelsrand
    Und Du lässt Dir das Haar der Berenice zeigen!


    Bald liegt nun Schnee auf allen Wegen
    Und atemlose Stille säumt den Sinn
    Wenn unterm Pelz sich Hand und Hand begegnen;


    Oh Lieb, Oh Leben! Nimm alles was ich bin
    Die Welt wär eisig still, ohn' allen Segen
    Kämst Du mit mir nicht an das Ende hin!


  26.  

    NATURE MORTE

    Natur kann doch nicht tot sein
    Wie käm uns solches vor
    Und fiel dem Mensch noch mancher Mord ein
    Es reichte nicht mal für ein halbes Ohr!


    Nature morte ist ein Kunstbegriff
    Der klärt uns nicht den Tatbestand -
    Wir segeln weiter mit dem weißen Schiff
    Und reichen unsrem Freitag eine blasse Hand.


    So sei's denn Leben! - Immer mehr und tödlich stark
    Das sich auf unser kleines Werk ergiesst.-
    Der Mensch, - natürlich treibt er's allzu arg-
    Doch ärger ist, was dann auf seinem Grabe sprießt.




  27.  

    DER JÜNGLING

    Es kam ein Zeichen angeschneit
    Und hat sich ihm auf Herz und Blick gelegt
    Was bracht' es denn in dieser Winterzeit
    Das er nicht längst tief im Gemüt gehegt?


    Er denkt jedoch, es ist soweit:
    Das was sich tief im Herzen regt
    Was sich als violettes Blau im Kern bewegt
    Wird nun aus seiner Eiseszeit befreit:


    Wir wollen wieder freier leben
    Und wollen alle, alle einig sein
    Wir wollen jenen alten Schatz uns heben


    Der schon einmal gefüllt die Welt mit Schein
    Ja Freunde, nach der Einheit lasst uns streben
    Nach Göttlichkeit von Zahl und Bild im heil'gen Hain.




  28.  

    ABIOGENESE?

    So schwebst Du über trüben Wassern
    Und schaust in solchen Schleim und Gischt;
    Kannst keinesfalls die Welt verbessern
    Da niemals die vorhandene erlischt.


    Ob in den Tiefen dunkler Meere
    Bathybius sein Werdewesen treibt
    Ob ungeahnte, ungeheure Heere
    Von Kerfen sich an Felsen selbst entleibt -


    Das Leben bleibt so wie es immer ist:
    Natur gegebne unveränderlich geheimnisvolle Blume
    An der im trägen Strom die Zeit vorüber fließt.


    Und frage ich die Welt nach ihrem Eigentume
    -"Sag mir, von wessen Geist ein Kind Du bist?"
    So lebt sie nur allein zu Gottes Ruhme!


  29.  

    GOTTESFURCHT

    Ich lieg' im Garten
    Himmelwärts mein Blick
    Dort zwischen zarten
    Birkenblättern all mein Glück.


    Die weißen Wolkenhaufen
    Verstärken mir das Blau
    Und meine Blicke laufen
    Entlang dem Sonnenstau.


    Des Lebens Glück
    Verfliegt so schnell
    Halt es zurück
    Solang das Auge hell.


    Ein wenig später
    Bricht der Glanz hindurch
    Nun strahlt der äther
    - Gottesfurcht-.




  30.  

    URGRUND

    Es fängt nun an zu Tagen
    Ein neues Jahr beginnt das Rund
    Es wachsen neue Fragen
    Und neues Schweigen schließt so manchen Mund.


    So ziehen Jahre hin und Zeiten
    Viel Menschen kommen und vergehen
    Doch soll ein neuer Stern uns leiten
    Dass wir das Wesen der Natur verstehen.


    Der Teil ist nötig nicht fürs Ganze
    Doch ist das Ganze mehr als nur ein Teil
    Der Abgrund über dem ich tanze


    Trifft mich nicht wie des Zeno Pfeil
    Nicht Mensch noch Gottheit schleudert eine Lanze
    Vergehen tief im Grund der Blume ist das Heil.


  31.  

    NATUR UND GEIST

    Natur gab's lange vor dem Menschen
    Und lange, lange nach ihm wird sie sein
    Natur lässt nicht sehr viel zum Wünschen
    Und Leben lebt von Lebewesen nicht allein!


    Natur ist mehr als Leben könnte jemals fassen
    Doch kann sie ohne Leben niemals sein.
    Erhebe nur den Geist, du kannst es ohnehin nicht fassen
    Bedenke aber: Nur die Ferne zeigt dem Auge Sonnenschein.


    Der Mensch ist Tier und Geist und auch Natur
    Und mag er tragen schwer an seinem Los
    Auch im Erkennen ist er nicht allein auf Gottes Flur


    Ist unerbittlich eingeordnet in der Schöpfung Schoß
    Und achtet mehr und mehr auf ihre strenge Uhr.
    Wird er es wissen, wenn er einst dort oben steht ganz nackt und bloß?


  32.  

    ALTNEULAND

    Wenn nun ein azurblauer Tag anbricht
    Nach eines morgendlichen Ungewitters Toben
    Wenn explosiv ins Tal ergießt sich Licht
    Von jenem tödlich schönen Himmelskörper droben;


    Wenn alles dies uns eine eben erst geschaff'ne Welt verspricht
    Als hätten ihren Teppich die drei Nornen neu gewoben
    Da will auch ich neu schreiben mein Gedicht
    Als sei das ganze Leid von gestern aufgehoben.


    Doch leider bringt sich Altes immer wieder in die Sicht
    Und weder alter Schmerz noch Glück sind leicht verschoben
    So bringt eine jeder neue Tag das Neu und Alte in die Pflicht


    Denn erst aus Leid und Jubelschrei wird echtes Glück gewoben.
    Und so wie schon äonenlang die Sonne durch die Wolken bricht
    Will ewig ich den Geist, der all dies regelt loben.


  33.  

    ABSCHIED VON DER BLAUEN BLUME

    Ich nehme Abschied und für lange doch
    Von Klinik, Städtlein, Feld und Wald
    Es war fürwahr kein hässlich Loch
    Doch würd' ich nicht so gerne dorten alt.


    Und doch, grad heute scheint das Land umher
    So schön, so hell, so lieblich grün
    Des Fürsten Wälder sind ein wogend Meer
    In dem zahllose Fingerhüte stille blühn.


    Sei du mein Land gegrüßt von fern
    Dann lob' ich deine blau und grauen Hügel
    Ein Morgenrauch allmählich löscht den letzten Stern


    Und langsam hebt zur Reise ab des Vogels Flügel
    Ein blaues Blümlein hätt' ich mir geholt noch gern
    Doch lass' ich's im Verborgenen blühn, leg' an der Umsicht Zügel.




  34.  

    (Für Ikea Elisabeth Marie)
    EIN NEUES HERZ

    Ein kleines, blasses Blütenherz
    Wächst uns heran aus tiefstem Grund
    Zeigt sich blutrot zunächst und voller Schmerz
    Und trennt sich schwer vom Weltenmund.


    Doch bald sind Blütenaugen rund
    Und leises Lächeln deutet an den Scherz
    Musik erzeugt oft schon die kleine Terz
    Und Leben blüht von Stund zu Stund.


    Doch später erst nach frühem März
    Wenn blasses Morgenblau sich färbte bunt
    Wenn alle Triebe wuchsen himmelwärts


    Dann tu ich's auch den Menschen kund:
    Hier tat sich auf ein neues Weltenherz
    Und schloss aufs Neue uns den heil'gen Bund.






  35.  

    VERANTWORTEN

    Gibt es denn Hoffnung in die Welt?
    Macht denn das Leben einen Sinn?
    Wie ist ein Mensch, der der Natur gefällt?
    Ist das Projekt Verantwortung Gewinn?


    Nicht Hoffnung, keine Liebe, die die Umwelt hält
    Ich darf nicht fragen wer und was ich bin
    Auch nicht, ob Menschenwirklichkeit darin
    Und ob im Spiel die Einsicht sich dazu gesellt.


    Nein hiermit kommen wir noch längst nicht hin
    Ist nicht einmal die Frage neu gestellt
    Stein, Baum, Gebäude, Mensch sind alle drin


    Nicht die Vernunft, nicht das Erkennen ist die Welt
    Auch nicht im Fortschritt der Entwicklung liegt der Spin
    Es ist die Blaue Blume, die uns alle tätig hält.




  36.  

    LEONARDO

    Ganz jener letzten blaulicht schimmernd Ahnung gleich
    So schraubt ein Licht sich in den dunklen Wald
    sieht so die Grotte aus, die endlich macht mich reich
    Es saugt mich an die blau und graue Lichtgewalt.


    Bin ich die Höhle nun, des Lichtes sanfte Gruft
    Saugt mich das kühle, grau und blaue Licht
    Nicht wiederum hinaus in reine Waldesluft?
    Beginnt gar hier, was selbst im Nirgends endet nicht?


    Ich weiß es nicht und kann es keinem sagen
    Obschon mir nicht mehr Schlaf noch Traum versperrn die Sicht
    Man muss schon jenen, der umfassend, fragen


    Was sich in der geheimnisvollen Ferne bricht.
    Es ist so blau, so ewig fern und kühl am Tagen
    Es kommt mir vor wie einer blauen Sonne süßes Licht.


  37.  

    RETTUNG

    Ein Wiesennebel deckt den Torf
    Und schwarze Rücken eifern wett mit grünem Busch
    Der ganze Morgen klingt so süß wie Orff
    Doch ohne jenen larmoyanten Zimbaltusch!


    Musik des Sommers prächtig und erlesen
    Dringt aus der Morgenstille in die Poren
    Es ist als sei die Welt so schön noch nie gewesen
    Und weil die Augen überfließen sehen nun die Ohren!


    Was treibt uns denn, die Welt verkehrt zu lesen?
    Seit wann ist uns ein Unglückssommer denn erkoren?
    Noch immer wird der Mensch an der Natur allein genesen


    Und wenn des Menschen Reich auch wimmelte von Toren
    Es rettet ihn auch heute noch der blauen Blume Wesen
    Es tut nicht Not, dass dieser Welt ein Retter wird geboren!


  38.  

    MANIFESTO DI OLDENBURGO

    Geschwiegen hab' ich lange nun
    Hab' mir die Nacht und auch den Tag besehn
    Nun glaub' ich, kommt die Zeit zum Tun
    Doch will zuvor ich Gottes Gunst erflehn!


    Ein Manifest will sich in meinem Herzen bilden
    Es knotet sich und schmerzt. Es drückt und treibt und drängt
    Doch wirkst Du nicht in irdischen Gefielden
    Durch Feuer, das das frisch Gekeimte gleich versengt!


    Sei ruhig Herz und lass die Flamme drinnen lodern
    Bezwinge dich und meist're allzu wildes Tun
    Sieh' doch wie selbst im deutschen Wald die Bäume modern
    Und warte; aber nicht zu lange darfst Du tatenlos so ruhn.


    Geschwiegen hat die Welt mit allen ihren Sorgen
    Es haben Türme sich vom falschen Sinn erstellt
    Doch weiß ich, dass er kommt, der strahlend heitre Morgen
    An dem zur Technik wieder die Romantik sich gesellt!


  39.  

    ZEIT DES MARMORS (an Hölderlin)

    Es gab eine Zeit, da lebten wir friedlich
    Mit den Blumen und Wesen der Erde vereint
    Und Du äther, Mutter und Vater uns Irdischen
    Legtest Dein heiliges Blau zwischen der Birke zitterndes Laub.


    Aus Deinem Gefielde, aus weißer Morgenwolken Dampf
    Goss hellere Wonne sich und Freude und Sicherheit
    In unsere Herzen, die Wiesen gleich sich breiteten
    Und zitternd sich offen legten Dir, Du perlender Tau.


    Du legtest Deinen unsichtbaren herrlich kühlen Hauch
    Auf unsere Seelen zwischen Sternen über dunklem Wald,
    Wenn wir im Grase lagen und der Erde Kreisen fühlten
    Und niemand außer Dir sich auf die weiße Stirn uns legte.


    Ein frommes Schauern zog durch jene Zeit
    Dein Blau war fürchterlich, versprach uns Ewigkeit
    Die wir nicht haben konnten, da wir hielten
    Fest am Gras und an den Zweigen und dem andren Herz.


    Wie war es denn zu jener Zeit als er und Du
    Die wunderbare Zwiesprach pflegten dort im Hain
    Als Wald und Bach und Wiese und der helle Schein
    Sich fügten in die Welt der alten Götter ein?


    War er nicht krank an Dir ganz so wie nun auch wir?
    Oh stolzer äther, verglühst Du nicht die Welt noch heute
    Mit Morgendunst und kühler Nacht und mittags keinem Hauch?
    Auch jetzt noch sind wir Deine Kinder, Deine Beute.


    Der Morgenwind, die himmlische Musik -
    Das Sehnen nach dem edlen Bild von Marmorsäulen
    Bevor Lord Elgin sie mit seinem Tross zerbrochen
    All das vereint uns heute noch mit Dir und Ihm.

  40.  

    WELTSEELE - MENSCHENSEELE

    In mir ist Leere, weit gestreckt
    Die sich nach außen in den Nebel dehnt
    Am Ende langer Fasern ist ein einz'ger Punkt geweckt
    Das kleine Stück der Seele, das sich näher an der Wahrheit wähnt.


    Ringsum um meine Welt ist Nebel
    Und nirgendhin kann ich die Blicke lenken
    Es fehlt für Körper und für Geist auch der geringste Hebel
    Der meinem Hirn vermöchte einen neuen Reiz zu schenken.


    Ich treibe durch ein grenzenloses Nichts
    Zerfalle selbst in einzelne Ionen
    Erfahre nie die Quelle des diffusen Lichts
    Vielleicht um mich noch einmal zu verschonen.


    Die Nebelwelt ist dennoch scheinbar nur
    Bin ich doch nicht allein auf weiter Flur
    Um mich herum an mir herauf erkenn' ich schemenhaft und leer
    Der Menschen, Bittfiguren, Förderer und Forderer gewalt'ges Heer.


    So klingt und tönt und brandet es heran
    In nebelhafter grausam leerer Ungestalt
    Wo flieh' ich hin, wo halt' ich meine Seele an?
    Was denn ergreift mich schließlich mit Gewalt?


    Mir selber Nebel, schemenhaft und grau
    Befehl ich mir, das Spiel zu enden:
    Erscheine doch, Du hoher äther himmelblau
    Damit wir alle unsre Seelen dorthin wenden.


    Doch hab' ich in die falsche Kunst gegriffen
    Im licht zerstreuten Grau war mir der Fuß noch schwer
    Doch nun hat sich die Schwerkraft selbst verkniffen
    Und grau in grau wiegt nun die Seele gar nichts mehr!


  41.  

    NÄCHTLICHE ENERGIE - RESPIRATION

    Es brennt der Kerze mildes Licht,
    Bis dass es ihr an frischem Wachs gebricht.
    Geborgt ist Sonnenlicht doch allzumal
    Vom grünen Teppich über Berg und Tal.


    Die Bienen sind die Boten nur
    Sie tragen hin und her der Sonne Flur;
    Gleichwie die Menschen wimmeln sie
    Doch ändern sie Sonn', Erd' und Himmel nie.


  42.  

    DAS BIOID

    Weiß ist das Blatt, das Buch, die Welt
    Das Wasser schneit, das Winterwetter hält
    Was es versprach
    Und Sterne stehen klar am Himmelszelt.


    Es schneit Papier auf meinen Tisch
    Im Teich im Garten friert mein Fisch
    Im Wasser ein,
    Das Chaos Universität im Postfach täglich frisch


    Weiß ich denn, was die Erde will?-
    Die Luft erstarrt, das C O zwei gefriert so schrill
    An jenem Tag
    Auf den die Menschen luden auf zuviel.


    Es reut uns sehr ums Bioid.
    Trat nun der Mensch aus seinem Glied
    Im Paradiese aus?
    Wir wissen nicht, was heut geschieht
    In diesem Haus.


  43.  

    KRAFT UND STOFF (an Büchner)

    Ein neuer Tag im Jahr hebt an;
    Er leuchtet nicht, er lehnt sich
    Müde auf des alten Mondes Bahn
    So wie auch ich mich lehne wissentlich
    An den äonenalten Wechsel der Atome.
    Mit welchem Menschen habe ich geteilt
    Den Atemzug, im steten Strome
    Zwischen Leben und Vergehn ?
    Der Stoff, der stets im Kreise eilt
    Die Kraft lässt ihn nie stille stehn.


  44.  

    DAS BIOID REGT SICH

    Das letzte Blatt vom Apfelbaum
    Verschwand heut Nacht im Frühlingssturm.
    Noch häuft sich Eis am Küstensaum
    Doch hinterm Deich schmiegt sich der Erdenwurm
    Erleichtert an das Korngefüge an;
    Es lebt, doch noch nicht sichtbarlich -
    Die Wurzeln machen sich behende dran
    Die Eis befreiten Knospen rühren sich.


  45.  

    DARWIN, WITTGENSTEIN UND QUANTENSCHAUM

    Ein Schneidezahn, ein Backenzahn, ein Daumen fein
    Der Zweck ist da, der Sinn ist dort, ob ja ob nein
    Und Darwin klebt an meinem wunden Gaumen.


    Die Rettin steigt zum Himmel auf
    Raketengleich, so will es der Entwicklung Lauf
    Ein Bilderbuch, ein Oedipus, ein Pascal fein
    sinnloser Zweck, das Draußen kommt zum Fenster rein.


    Es steigt die Leiter auf der Menschen Reih
    Gen hinter Gen, Musik und Kunst und Wahn
    Die Ratten aber kommen vorher an.
    Wie kam ich her, wo geh ich hin?
    Die Leiter fiel
    Die Oberflächenspannung war zu dünn.


  46.  

    ESCHERICHIA COLI UND ANDERES GESINDEL

    In den frühen Tagen lebten andere als heute
    Lichtscheue, kleine aber schnelle Leute
    Sie hiessen Archae- oder Urkaryot
    Und sind bestimmt auch heut' nicht tot.


    Ein zierlich Wesen, zart und äußerst hart
    Es lebt von Gas und Wasser, wenig Salz
    Doch scheint es mir von ganz besondrer Art
    Macht Luft aus Wasser, zaubert Bier aus Malz.


    Prokaryoten nennt man sie und Eoastreon
    Sie machten Kettenreaktionen und sie aßen Gold
    Sie sind selbst dem Iridium hold
    Nach Zahl und Macht und Segen sind sie Legion.


    Ich liebe Dich, Bakterium
    Machst Wasserstoff, Methan und C-O-zwei
    Dein Wirken scheint Delirium
    In Wirklichkeit hältst Du uns sorgenfrei.


  47.  

    NACH EINER SCHLIMMEN NACHT (an Joseph Beuys)

    Nun ist der Himmel endlich zugepackt
    Der blasse Mond in Winterwolken eingesargt
    Vor meinen Augen stehen graue Bilderfetzen
    Mit Rot und Violett in knappen kurzen Sätzen.


    Ein Treppenhaus, feldgrauer Flügel
    Mit beissend rotem Kindertotenkreuz
    Dann wieder glänzend schwarze Bechsteinmärchen
    Er singt kein Lied, ist eifrig wie ein stilles Kind.-
    Er nimmt den Schlapphut
    Mit dem Nachen übern Rhein
    Und seine Neider-Jünger stolpern
    Mit blöden Sprüchen hinterdrein.-


    Filz, Fett und Honig
    Baum, Klo und grauer Zwergenstein,
    Zu Säulen aufgetürmt
    Soziale Plastik, blutwurstwenig -


    Er macht sich seine schöne neue Welt
    Wenn alles rings in kapitale Fetzen fällt.
    Die Wärmezeitmaschin' mit Honigherz
    Errät die Spur des frühen März.

  48.  

    GEMEINSAME ERINNERUNG AN JOSEPH BEUYS

    Karin:
    Was Wissen schafft, stets neu entdecken,
    Nämlich: Das Gewissen (das Gewusste) wecken.


    Wolfi:
    Was Wissen schafft, stets neu entdecken
    Das heißt: Gewissen ist Gewusstes wecken.
    Auch Wissenschaft erschafft nichts Neues
    In Wahrheit bleibt sich immer gleich
    Der Takt der Wärmezeitmaschine.
    Der Honigpumpe Triebwerk und Getriebe
    Ist Wissenschaft und Menschenliebe.-
    Plastik, Skulptur ist unbeziffert Bio-General-Physik
    Modell hilft Modellieren
    Oh holde Mathe-Ma-Mu-Sik.


    Zusammen:
    Was Wissen schafft stets neu entdecken
    Gewissen ist Gewusstes neu erwecken.-
    Die Wissenschaft schafft niemals Neues
    In Wahrheit bleibt sich immer gleich
    Der Takt der Wärmezeitmaschine.


    Der Honigpumpe Treibwerk und Getriebe
    Ist Wissenschaft der Menschenliebe. -
    Und der Skulpturen unbezifferte Gefühlsphysik
    Ist keine Kunst der Sozio-Kultur
    Sie modelliert vielmehr die Mathe-Ma-Mu-Sik.


  49.  

    DER PFLUG (an Ingeborg Bachmann)

    Da draussen ist, muss Wetter sein!
    Die Bachmann lässt den Regen ein
    Mir ist, als ob mich alles stört
    Was ich vom Wortverzauberer gehört.


    Die Welt ist alles, was der Fall
    Ich leugne keck den großen Knall
    Ob ja, ob nein, ob Freiheit gar
    Es geht nur um der stolzen Worte Schar
    Ich flöge gern, wär ich das Vöglein Pi.


  50.  

    GEBET III

    Die Wolken stehen dunkel
    Dort über grabestiefem Tann
    Nur eine blasse Linie zeichnet
    Weit oben einen Himmel an.


    Ist das der Himmel, den er meinte
    Ist das sein erster Frühlingstag?
    Oh Welt, um die so oft er weinte!
    Oh Wald, in dessen Gruft er selig einsam lag!


    Doch sieh, es schießt ein goldner Pfeil
    Aus dunklem Wald ins Himmelslicht
    Und Helligkeit bricht aus in unsrem Teil


    Der Welt, die sonst so viele Schwüre bricht.
    So bleibt der Zauberkreis aufs neue heil
    Das Erdenrund ist täglich neu in Gottes Pflicht!

webmaster (Design by N. Fafchamps) ©w.e.krumbein 2009, February 07